Andreas Dierig Glasgestaltung

Laudatio zur Vernissage
"Aquarell trifft Glas"
von Thomas Warndorf

 

Ausstellungseröffnung in der Galerie „Fauler Pelz"
Überlingen am 4. März 2012

 

 

Liebe Edelgard Brecht,

liebe Anna Dierig,

lieber Andreas Dierig,

 

sehr geehrte Frau Becker,

 

meine sehr verehrten Damen und Herren

 

Aquarell trifft Glas. Oder: Licht trifft Transparenz. Oder: Blau trifft Rot. Oder: Erfahrung trifft Jugend. Oder: Tradition trifft Zeitgeist. Oder: Handwerk trifft Kunst. Ja, wo beginnen? 

 

Vielleicht bei: Brecht trifft Dierig.

 

Das war im Jahr 2008, als Edelgard Brecht für die Kapelle des neuen Alten- und Pflegeheims in Meersburg den zeichnerischen Entwurf eines Glasfensters schaffen sollte. Die Umsetzung erfolgte anschließend in Überlingen im Atelier des Glasgestalters Andreas Dierig.

 

Und das muss ein Treffen gewesen sein wie jener Augenblick, als Kolumbus die Neue Welt betrat. Denn beide, Brecht und Dierig, entdeckten sich als Gefährten eines gemeinsamen Weges, vielleicht ein wenig mit Kopfschütteln, dass das nicht schon viel früher geschehen war. Eines gemeinsamen Weges, der in den Worten von Andreas Dierig, seien es Auftragsarbeiten oder die eigenen Vorstellungen, als Umsetzung von Visionen zu beschreiben wäre und bei Edelgard Brecht die Suche nach Spiritualität bedeutet. 

 

Vision und Spiritualität, dies vereinen beide zu einem gemeinsamen künstlerischen Anspruch, den sie an ihre Handeln und an ihr Werk stellen. Ein Anspruch mit und durch

Leidenschaft. 

 

Ich stelle mir den Weg dieser beiden Künstler bis zum heutigen Tag so vor wie einzelne Stränge, die sich seit 2008 immer mehr ineinander zu einem starken Seil zusammengedreht haben und in dieses Seil ist nun auch noch Anna Dierig, die Tochter von Andreas Dierig mit hinein geflochten. Sie fügt den Visionen des Vaters und der Spiritualität von Edelgard Brecht einen weiteren Anspruch hinzu: die Sinnlichkeit. 

 

Ein aktueller Abschnitt, aber längst nicht das Seilende, das ist diese Ausstellung, die wir heute eröffnen. Vielleicht ist „ineinander geflochten" sogar der deutlichere Begriff als „treffen" aus dem Titel der Ausstellung und man könnte die Ausstellung auch nennen: „Aquarell verflochten in Glas". 

 

Sinnlichkeit, Vision, Spiritualität, das scheinen mir jedenfalls die ineinander verflochtenen Markenzeichen dieser Ausstellung und nichts verdeutlicht den Anspruch mehr als das Buchstabenspiel der Namen Brecht und Dierig auf der Einladungskarte und da fällt mir noch so ein denkbarer Titel für diese Ausstellung ein: 

Spiel trifft Lust.

 

Nun ist gewissermaßen eine Andeutung des Gemeinsamen dieser drei Künstler erfolgt. Aber wie weiter? Wie allen gerecht werden? 

 

Da kommt mir eine Arbeit dieser Ausstellung zu Hilfe: Es gibt sie zweimal, einmal als Aquarell von Edelgard Brecht mit der Nummer 5 und dann als Arbeit von Andreas Dierig mit der Nummer 85. Beide Arbeiten mit dem gleichen Titel „Der Rote Faden". Ein Aquarell und eine Glasarbeit, deren Umsetzung ich für einen viel zu kurzen Nachmittag miterlebte. 

 

So will ich vorgehen. Wie auf den Arbeiten. Versatzstücke meiner Rede, verbunden durch einen roten Faden. Der kann das Seil sein, das ich eben ansprach. Die Quadrate, jedes für sich, sind die Blicke, die ich auf Person und Werk beider Dierigs und von Brecht werfe. Das ist natürlich nur so ein Gedanke, den ich habe, wenn ich versuche, in kleinen Bildern auf Werk und Person dieser drei Künstler einzugehen. 

 

Als jenes Glasfenster für Meersburg 2008 fertiggestellt war, verabschiedete sich Edelgard Brecht nicht etwa, um sich wieder ihren Aquarellen zu widmen. Nein, sie hatte ja einen Gefährten im Geiste gefunden, sie hatte erkannt, dass ihr Aquarellwerk geradezu danach schrie, in Glaskunst umgesetzt zu werden und sie fand einen Glasgestalter, der ihr seine Werkstatt öffnete und sein Wissen. 

 

Als Nachfolger seines Vaters leitet Andreas Dierig das Atelier seit 1996. Er hat in seinen Ausbildungsgang alles eingebaut, was nötig war und alles, was er darüber hinaus für sich als wichtig empfunden hat. Eine besondere Rolle in seiner Ausbildung nahm die Glasfachschule in Kramsach in der Nähe von Innsbruck ein. Die beansprucht nämlich für sich auch, was ich oben sagte: Tradition trifft Moderne, und vor allem: es gibt nichts, was man mit Glas nicht machen könnte: Handwerk trifft Freiheit und in Familienangelegenheiten Dierig: Vater trifft Tochter, denn Anna lernt jetzt auch in Kramsach. Warum sie dort lernt? Weil sie das Gefühl hat, dass sie dorthin gehört. Ein gewisses Gefühl einer Verwurzelung oder eines Halts. 

 

Andreas Dierig zeigt in einer Vitrine aus seiner Kramsacher Zeit Gläser, die er bemalt hat. Schauen Sie sich das mal an. Da gibt es Muster, schmale Streifen, darin begegnet Ihnen Edelgard Brecht. Da kannten die beiden sich aber noch lange nicht. Aber gerade an diesen bemalten Gläsern war für mich klar, die beiden mussten sich irgendwann treffen, kein Zufall sondern Fügung. Es brauchte halt Geduld bis zu jenem ersten Treffen im Jahr 2008.

 

Geduld: das ist einer der Begriffe, der mir, wenn ich über Edelgard Brechts Aquarelle nachdenke, sofort einfällt. Unabhängig davon, dass die vermeintlich abstrakten Arbeiten sich als höchst reale Blicke auf und in die Welt erschließen, wenn man die Bildtitel zur Interpretation nutzt und unabhängig davon, dass Edelgard Brecht dank unendlicher Geduld und nächtlicher Stille bei ihrer Arbeit transparente oder deckende Farbaufträge in einer Gleichmäßigkeit, Feinheit, Stärke oder Zartheit schafft, die man vom Aquarell nicht erwartet, unabhängig davon gelingt es ihr, eine Technik zu neuen Ufern der zeitgenössischen Kunst zu führen, eine Technik, die seit Turner, seit Cezanne, seit Nolde ihren eigenständigen Rang im Kunstbetrieb errungen hat und die den akademischen Ölschinkenproduzenten längst und gründlich das Fürchten gelehrt hat. Dass es von der Transparenz des Aquarells, von der Bedeutung des Lichts für das Aquarell nur ein kurzer Sprung zum Glas ist, darüber muss man heute hier nicht sprechen. Nur, man muss halt jemanden haben, der einem beim Sprung vom Papier zum Glas hilft. Einen, der die Geheimnisse des Handwerks auch einmal preisgibt. Nicht an jeden, aber an Edelgard Brecht oder an die Tochter Anna schon. Wie freilich Dierigs Nr. 99 „die silberne Verflechtung" entstanden ist, das bleibt dann schon in der Familie und dem Betrachter bleibt ein ungläubiger Blick: Wie hat er das nur gemacht? Immerhin in gleicher Technik, ebenfalls verspiegelt, „Die Hand des Künstlers", sozusagen eine kleine Teilantwort auf die Frage, wie das denn geht. Man braucht eine ruhige Hand.

 

Wie geht das? Das ist eine Frage, die seit Jahrhunderten an Glaskünstler gestellt wurde und wird, wenn die Menschen einst die Fenster der gotischen Kathedralen betrachteten, oder heute Chagalls Fenster in Reims oder Richters Fenster im Kölner Dom. 

 

Und das ist ja dann nicht weniger die Frage bei den Aquarellen von Edelgard Brecht und wenn man die Arbeiten von Anna Dierig betrachtet, geht es einem auch nicht anders. Wie geht so etwas? 

 

Ich spreche für alle drei, wenn ich sage, es geht mit Disziplin. Es geht mit höchsten fachlichen Kenntnissen. Und dann - es geht mit Spaß, mit Freude am Entdecken, Ausforschen, Ausprobieren und Experimentieren. Erst vor einigen Tagen, hier beim Hängen und Aufstellen der Werke, standen wir vor einer Aquarellarbeit von Edelgard Brecht - und dann fiel bei der Überlegung, dieses Aquarell auch einmal in eine Glasarbeit umzusetzen, der Satz: Das müsste doch zu machen sein. Ich bin sicher, aus einem der Aquarelle, zum Beispiel dem Tanzenden Kreisel wird auch eine Glasarbeit, wenn sich das technisch umsetzen lässt, kreisförmige Streifen im Schmelzvorgang zu verbinden. 

 

Aus Edelgard Brechts Sicht auf jeden Fall: Es müsste nicht zu machen sein, sondern: es muss und ich mache es. 

 

Diese Freude am Experimentieren. Anna Dierig führt sie uns vor. Wieso Papier bedrucken, wenn es auf Glas auch geht. Ganz neu stellt sie vier Arbeiten (88-91) als digitale Glasdrucke vor. Ohne Titel, denn sie lässt dem Betrachter die Wahl, sich im Betrachten ihrer Arbeit ein eigenes Bild zu machen und dieses individuell zu benennen. Sie zeigt aber, welche Bandbreite der Techniken sie mit ihren Glasarbeiten bereits anbieten kann und mit dem Titel „2087" verweist sie auf einen Werkblock, mit dem sie eine Reise in die Zeit antritt, in ein künftiges Universum voller Licht und Schatten, fast mit einer gewissen Trauer darüber, was heute schon alles an Gefühlen verloren gegangen ist und bis 2087 noch verloren wird, an Identität, an Sinnlichkeit, an Erotik. Und was statt dessen kommen wird: Schmerz, Leiden an sich selbst und an der Welt. Der Mensch hinter der Maske, die er trägt und er weiß nicht einmal mehr so genau, wer er selbst ist hinter der Maske. Anna Dierig ist noch so jung, und zeigt doch einen Erfahrungsschatz nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch einen Schatz menschlicher Qualitäten und experimentiert an einem Thema, an dem etwas mitschwingt, was ich als Romantik des Untergangs bezeichnen möchte. Anna Dierig fällt kein Urteil über die Welt, macht sie nicht schlechter (als sie vielleicht schon ist), aber sie will nach Zukünftigem fragen und bewegt sich wie in ihren Arbeiten wie in einem Raum-Zeit-Gefüge eines Science-Fiction-Romans. 

 

Die Arbeiten des Vaters geraten zuweilen diesseitiger, es sind ja auch häufig Auftragsarbeiten, in denen Vorgaben umzusetzen sind. Aber die Anfragen an ihn wären nicht so häufig, wenn der Auftraggeber nicht überzeugt wäre, auf jeden Fall einen echten Dierig zu erhalten. Das gilt für die Brunnen, oder für den Glastisch mit Bank, ebenso aber, wenn Edelgard Brecht eine Glasskulptur bei ihm umsetzen lässt wie die Nr. 102 „Sinfonie des Lichts", die bereits im Grand Palais in Paris zu sehen war. Wenn Edelgard Brecht nicht wüsste, dass er - und nur er - ihren Entwurf umsetzen kann und wenn Andreas Dierig nicht umgekehrt wüsste, dass er umsetzen kann, was sie ihm bringt, ständen wir wohl vor einem - Scherbenhaufen. Aber so treiben sich beide zu Höchstleistungen an - und diskutieren über Abstände oder Breiten von Glasstreifen - im Millimeterbereich! Durchaus auch gegensätzlicher Meinung aber das, weil es keiner leiden könnte, wenn am Ende das Ergebnis nicht stimmig ist.

 

Ein Zwischengedanke. Edelgard Brecht fordert mit ihren ungebändigten und mutigen Ideen auch einen alten Hasen wie Andreas Dierig immer wieder zu neuen Überlegungen heraus. Wie kann man die Idee technisch umsetzen? Welches Glas? Welche Temperaturen? Welcher Ofen? Andreas Dierig hat durchaus damit zu tun, das Durchsetzungsvermögen von Edelgard Brecht in Einklang zu bringen mit den Grenzen des Machbaren und diese Grenzen auszuloten und auszuforschen. Dann aber bringt Familie Dierig von einer Reise handgeschöpftes Papier als Geschenk für Edelgard Brecht mit. Wer aquarelliert, weiß, welche Kämpfe mit solchem Papier auszufechten sind. Und nun lotet sie aus, was man damit bis an die Grenze des Machbaren beim Aquarell anstellen kann. Und - sie kann! Eine Sinfonie des Lichts. (Nr.    )

 

Edelgard Brecht nahm es schon immer genau in ihren Aquarellen. Schon die kleinformatigen Landschaftsbilder früherer Jahre zeigten eine Präzision, die man mit Acryl- oder Ölfarben bei einiger Übung durchaus erreicht - aber nicht beim Aquarell. Ich sprach schon von ihrer Geduld. Denn die Abgrenzung der Farben, die Festigkeit der Linien, die Gleichmäßigkeit des Farbbildes auf Aquarellpapieren, die schon auch ein Eigenleben haben, das Warten, bis der Auftrag getrocknet ist, das Schwenken des Papiers, damit die Intensität der Farbe sich gleichmäßig ohne Schattierung über genau die dafür vorgesehene Fläche verteilt, das ist unglaublicher Zeitaufwand . Man muss sicher in sich ruhen, um das zu schaffen und mir erscheint jede Arbeit von Edelgard Brecht, sei es das Aquarell, sei es das Glas, und ihrer Freude am Ausprobieren, als ein Stempel ihrer Persönlichkeit und ihrer Eigenheit. In ihrer Bilderwelt gilt das Prinzip: Quadrat trifft Kreis. Sie sind als Symbole von Erde und Himmel zu verstehen, als Endlichkeit und Unendlichkeit, aber immer einer grundlegenden Ordnung unterworfen. Diese Ordnung können Sie „Natur" taufen und dann treffen sich in ihren Aquarellen Natur und Schöpfung. 

 

Eine Arbeit (49) nennt sie „Das Gespräch mit der Farbe". Das kennzeichnet am besten ihre Vorgehensweise, wenn sie sich an die Arbeit macht. Man kann von Kommunikation sprechen zwischen ihr und dem sich planvoll entwickelnden Blatt, dem nun nichts Zufälliges eigen ist. Dieses vorzugsweise nächtliche, kontemplative Arbeiten als ein sehr ernsthaftes Gespräch. Ein anderes ihrer Blätter heißt „the talk to red" (1) oder noch ein anderes „Words of colours"(31). Aber dann doch auch wieder die Leichtigkeit, ein spielerisches Schweben, das Experimentieren. „Scherzo", „immer munterwegs" oder „Spielerei" (Nr.65) heißen dann die Blätter. Nicht umsonst nennt sie die Arbeiten 55 bis 58 „Glas-Licht-Spiele", da kommt ihre Freude am Ausprobieren hervor. Etwas schaffen, was noch keiner gemacht hat. 

 

 

 

Es gibt eine hübsche kleine Geschichte. 

 

Wenn nämlich Andreas Dierig im Atelier arbeitet, dann gibt es Reste, kleine Streifen, Quadrate und Rechtecke. Die landen in einem Karton. Und Edelgard Brecht geht hin, mit einem kleinen Vorwurf in der Stimme, das man das nun doch nicht wegwerfen dürfe - und dann entstehen ihre Glasarbeiten, die Schalen beispielsweise, bei denen wie im Puzzle die kleinen Teilchen und Stücke aneinander gelegt, einander zugeordnet und im Ofen zusammenschmelzen lässt. „Fusing" heißt diese Technik und es klingt alles weitaus einfacher, als es tatsächlich ist. Die Temperatur des Ofens spielt eine Rolle und nicht immer macht das Glas was es soll, selbst wenn bei dieser Technik zu berücksichtigen ist, dass das Glas immer das gleiche Ausdehnungsverhalten zeigen muss, weil es sonst beim Abkühlen reißt. Es gibt eine Glasschale, die zu entdecken sich lohnt. In einem äußeren Ring um die farbigen Glasstreifen war nur weißes Glas angeordnet, von dem zu erwarten war, dass es nach dem Verschmelzen ebenso weiß wieder aus dem Ofen herauskommt. Zwei der weißen Streifen entschieden sich jedoch anders und bilden nun kleine Ausreißer in zartrosa. Wenn man die Schale betrachtet, ist man sicher, dass das so sein muss, Zufall hin oder her. Aber - es gibt in dieser Ausstellung auch ein vor der Glasschale entstandenes Aquarell von Edelgard Brecht, das am Rand ebenfalls solche streifenförmigen Ausreißer zeigt, und da war es gewollt und wieder haben wir ein Treffen: Plan trifft Zufall. 

 

Alles andere als Zufall ist die Meisterarbeit von Andreas Dierig, die als Nr. 79 gezeigt wird. Eine eigentümliche Mischung althergebrachter und traditioneller Glasfensterkunst, bleiverglast, ein konventioneller Teil, das Vorbild war eine Basler Kabinettscheibe, aber der Fahnenträger darf die Überlinger Stadtfahne tragen. Und dann die traditionelle Scheibe eingefasst in ein freies Arbeiten mit zeitgenössischem Anspruch. Was für eine Spannung in dieser Arbeit, die wohl in jeder Hinsicht ein Meisterstück ist. Wie selbstverständlich Andreas Dierig sich auf dem Feld der althergebrachten Glaskunst bewegt, zeigen auch die Entwürfe für drei Glasfenster für eine Kapelle in Bretten. Die Fenster, ursprünglich wohl vor 1900 entstanden, waren im 2. Weltkrieg zerstört worden. Es galt, sie zu rekonstruieren. Wir haben aus verständlichen Gründen hier nur die Entwürfe, die Fenster sollte man sich bei Gelegenheit aber einmal in Bretten anschauen. Die Zeichnungen sind ja schon Kunst vom feinsten und wie staunt man erst, wenn man die Umsetzung in der Kapelle des Brettener Melanchthonhauses zu sehen bekommt. Dierigs Glaskunst vom Feinsten und so wundert es auch nicht, dass er bei den Vorarbeiten für Gerhard Richters Glasfenster im Kölner Dom ebenfalls beteiligt war und ein Musterfeld anlegte, damit überhaupt einmal ein Eindruck vorhanden war.

 

Angesichts der Vielzahl an Arbeiten, angesichts der Vielzahl an Techniken könnte es sein, dass, um Eindrücke zu gewinnen, ein mehrfacher Besuch dieser Ausstellung zu planen ist. Ich empfehle die Künstlergespräche, deren Daten Sie auf der Werk- und Preisliste finden. Da erfahren Sie gewiss nicht jedes Geheimnis von Edelgard Brecht, aber immer eine Geschichte, die ihre Aquarelle oder Glasarbeiten besser zu erschließen hilft und bei Andreas Dierig werden sie erklärt bekommen, dass „Fusing mit Fritten" kein Angebot von Mc Donalds meint, sondern eine Technik, bei der Glaspulver auf erhitztes Glas gestreut wird, dann gebrannt und entstehen je nach Wahl des aufgestreuten Pulvers farbige Scheiben, die ihrerseits dann auch als Fritten bezeichnet werden. Glauben Sie mir, es ist bei weitem nicht so einfach, aber dafür sind die Künstlergespräche gedacht. 

 

Von Vater und Tochter Dierig ist gesprochen worden. Ich möchte aber sagen, dass es zwei weitere Menschen gibt, die so eng in das künstlerische Schaffen ihrer jeweiligen Partner eingebunden sind, dass es mir ungerecht erscheint, wenn sie hier nicht genannt werden, nämlich ................... Dierig und Dieter Brecht. Beide bleiben im Hintergrund, aber ohne diese beiden wäre wohl manches Werk der Künstler hier nicht zu sehen, und das möchte ich einmal ausdrücklich anmerken. 

 

Am Ende nun steht eine Arbeit von Anna Dierig. Sie steht auch als Nr. 103 am Ende der Preisliste. Es ist ein Lampenschirm aus Streakyglas, einem Glas, dass nach sehr alter Tradition in der Glashütte Lamberts hergestellt wird. Alles Handarbeit, keine Platte gleicht der anderen, aber man kann verschiedene Farbkombinationen auswählen. Anna Dierig nutzt dieses Glas für eine Wandlampe. Das Thema der aufgetragenen Schwarzlotmalerei, auch wenn es nicht in die 2087- Serie gehört, ist ein erotisches. Schließlich heißt die Lampe ja auch „La Rouge". Als Anna Dierig mir diese Lampe zeigte, erinnerte ich mich an ein Bild von Otto Dix. Das Bildnis der Tänzerin Anita Berber aus dem Jahr 1925. Und dann fiel mir ein, dass Dix sich mit dem Thema Eros und Tod so beschäftigt hat: Werden und Vergehen. Das symbolhafte Rot des Kleides der Anita Berber, die Rottöne dieser Lampe, die Unverwüstlichkeit des Lebens bei all seinen Schrecken. Seelenverwandtschaften? 

 

Ich begann mit dem roten Faden. Nun ist am Ende eine intensiv rote Wandlampe daraus geworden. Es ist nur eine Wandlampe von Anna Dierig und doch so viel Leben, vergangenes, gegenwärtiges und zukünftiges, darin. 

 

Eine Sinfonie des Lebens. Eine Sinfonie des Lichts.

 

Licht trifft Leben.

 

 

 

Überlingen, 4. März 2012

Thomas Warndorf